Die Motette ›Nuper rosarum flores‹ von Guillaume Dufay

Die Motette ›Nuper rosarum flores‹ von Guillaume Dufay

Eine Unterrichtseinheit für den Leistungskurs Musik

Bis heute ist der Dom mit seinen roten Dachziegeln ein Wahrzeichen der Stadt Florenz und seine Kuppel eine Ikone der Renaissance-Architektur.
Quelle: Wikimedia.org

Ein Musikstück für ein architektonisches Meisterwerk

Guillaume Dufay schrieb die Motette Nuper rosarum flores anlässlich einer Feier: In Florenz wurde am 25. März 1436 die neue Kuppel der Domkirche eingeweiht. Der Architekt Filippo Brunelleschi – von seinen Freunden Pippo genannt – hatte mit der riesigen Kuppel eine technische Meisterleistung vollbracht. Sie misst 42 m im Durchmesser, 87 m in der Höhe und wiegt 29.000 Tonnen (so viel wie ca. 4.500 Elefanten). Laut Berichten waren ungefähr 200.000 Menschen bei der Einweihung dabei, darunter der Papst und die wichtigsten Florentiner Künstler.

Dufays Motette wurde während der Feier gesungen. Vielfältige Stimmen und Instrumente erklangen in der Kuppel und sollen wie Engelsmusik zum Himmel emporgestiegen sein. Die im Text genannten Rosenblüten (rosarum flores) sind eine Anspielung auf den Namen der Kirche: Cattedrale di Santa Maria del Fiore, also Kathedrale (oder Dom) der Heiligen Maria der Blume.

Die Komponisten Guillaume Dufay und Gilles Binchois
Illustration in Le Champion des Dames von Marc le Franc, 1440
Paris, Bibliothèque de France, Signatur: Français 12476, fol. 98r (Detail)
Quelle: gallica.bnf.fr / BnF

Die Motette ist nicht in Partiturnotation, sondern, wie zu ihrer Entstehungszeit üblich, in Einzelstimmen überliefert. Auf der linken Seite der Handschrift ist die erste Stimme zu sehen (als Triplum bezeichnet), auf der mittleren die zweite (Motetus) sowie die dritte und vierte (Tenor II und Tenor; zu den Bezeichnungen vgl. die Ausführungen zu der unten stehenden Transkription eines Werkausschnitts in heutige Notenschrift). Den einzelnen Stimmen stehen Initialen (ausgeschmückte Anfangsbuchstaben, hier teilweise in roter Tinte notiert) voran, anhand derer sie sich deutlich voneinander unterscheiden lassen. Die rechte Seite zeigt die Fortsetzung aller vier Stimmen:

Guillaume Dufay, Nuper rosarum flores, Bibl. Estense, Modena, Quelle: Wikimedia

In der Forschung wurde Dufays Domweih-Motette lange Zeit als isorhythmische Motette bezeichnet. Die Besonderheit einer isorhythmischen Kompositionsweise liegt darin, dass die Grenzen einer Tonhöhenfolge (Color) und eines Rhythmuspattern (Talea) nicht zusammenfallen, sodass man beim Analysieren den Eindruck bekommt, Melodie und Rhythmus würden sich fortwährend gegeneinander verschieben. Dies ist jedoch kein Charakteristikum der Domweih-Motette Dufays, weshalb mittlerweile hinterfragt wird, ob es sich bei dieser Komposition überhaupt um eine isorhythmische Motette handelt. Mehr zu diesem Thema findet ihr in dem Artikel Was ist eine isorhythmische Motette?

Die Motette ›Nuper rosarum flores‹

Das folgende Beispiel zeigt einen Ausschnitt aus der Motette Nuper rosarum flores von Guillaume Dufay. Hört euch diesen Abschnitt einmal (oder besser: zweimal) an, um einen Klangeindruck dieser alten Musik zu bekommen:

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Quelle: YouTube

Die Motette ist vierstimmig. Die Stimmen der oberen Systeme (in der Abbildung als Triplum und Motetus bezeichnet) sind bewegter und haben Text, in den beiden unteren Stimmen (in der Abbildung als Tenor II und Tenor) finden sich ausschließlich lange Notenwerte ohne Text. In Aufnahmen dieser Motette werden deshalb die beiden oberen Stimmen in der Regel gesungen, die beiden unteren hingegen von Instrumenten gespielt.

Die Motette ›Nuper rosarum flores‹ besteht aus vier Teilen in unterschiedlichen Mensuren (heute würde man sagen: in unterschiedlichen Taktarten). Der Ausschnitt oben erklingt im ersten Teil, kurz bevor die beiden unteren Stimmen zum ersten Mal zu hören sind (vgl. hierzu auch das rote Quadrat im Diagramm unten). In der dritten Stimme von oben erklingen Tonhöhen (Color), die dem Anfang des Antiphons Terribilis est locus iste entnommen sind:

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Quelle: YouTube

Aus der ersten Zeile des Chorals nimmt Dufay 2 x 7 Töne. In jedem der vier Abschnitte der Motette erklingen diese 2 x 7 Töne, jedoch jedes Mal in einer anderen Mensur (bzw. aus heutiger Sicht: einer anderen Taktart, mehr zu diesem Thema findet ihr in dem Artikel Mensur und Mensuralnotation). Das folgende Notenbeispiel zeigt diese Choralabschnitte:

Nicht nur auf der Ebene der Mensuren (Taktarten) lässt sich die Motette gut gliedern. In jedem der vier Teile erklingt zuerst ein Duett (die oberen beiden Stimmen), gefolgt von einem vierstimmigen Abschnitt. Die zweistimmigen und vierstimmigen Abschnitte sind dabei genau gleich lang und umfassen jeweils 14 Mensureinheiten (bzw. 2 x 7 Takte). Das folgende Diagramm zeigt diesen Ablauf:

Eine Proportion wird im Zusammenhang mit dieser Motette immer wieder erwähnt: 6:4:2:3 (Mensuren) und darüber hinaus werden manchmal sogar die Töne in Stimmen und die Kadenzen gezählt. Die wichtigsten hier besprochenen Zahlen zu der Motette lauten:

  • 2 x 7 = 14 (Töne des Hymnus im Tenor II)
  • 14 (Länge der zwei- und vierstimmige Abschnitte in jedem Teil)
  • 2 x 14 = 28 (Länge der einzelnen Formteile)
  • 4 (Anzahl der Hauptabschnitte bzw. Teile)
  • 4 x 28 = 112 (Länge der Motette)
  • 6:4:2:3 Proportionen der Mensuren

Charles W. Warren hat die Zahlen und Proportionen der Motettenanalyse mit den Maßen bzw. Proportionen der Domkuppel in Beziehung gesetzt:

The relationship is striking enough to suggest that the unique and compelling features of Nuper rosarum flores [...] are not purely musical after all, but the results of a deliberate attempt on the part of Dufay to create a sounding model of Brunelleschi's architecture. The significance of the correspondences between the dome and the motet can best be appreciated in the context of Brunelleschi's achievement as an architect.

Charles W. Warren, »Brunelleschi's Dome and Dufay's Motet«, in: The Musical Quarterly 59 (1973), S. 92–105.

Ludwig Finscher und Annegret Laubenthal haben ihm dabei widersprochen und über den Bau von Domkuppel und Motette geschrieben:

Tatsächlich scheint es aber so zu sein, daß Dom und Motette ein je eigenes und auf unterschiedliche Traditionen bezogenes Maß haben. Der Dom zeigt nur für Chorraum (Oktogon) und Kuppel ein Proportionssystem, das zudem durch den Plan von 1368 (auf den die Baumeister – auch Brunelleschi – eingeschworen wurden) zweifelsfrei belegt ist. Seine Grundzahl ist die Scheitelhöhe des Langhauses, die zweiundsiebzig florentinische braccia oder bracci (Ellen) beträgt: Die Gesamthöhe des Kuppelraumes ist aus je zweiundsiebzig braccia für die Arkaden und für Tambour und Kuppel zusammengesetzt; die Höhe der Kuppel allein ist fünfundfünfzig, die des Tambour neunundachtzig braccia, vom Boden bis zum Ansatz der Kuppelwölbung also neunundachtzig braccia. Offenbar erkannte man bei der Planung, daß 2 x 72 = 144 nicht nur die in der Tradition der Zahlensymbolik ausgezeichnete Zahl 12 x 12 war, sondern auch ein Glied der Fibonacci-Reihe, das auf die Glieder 34 (= 2 x 17), 55 und 89 folgt. Die Konstruktion nach Fibonaccizahlen aber (deren Annäherung an den Goldenen Schnitt erst später entdeckt wurde) gab die Gewähr »schöner« Proportionen des Bauwerkes. Keine dieser Zahlen taucht in Dufays Motette auf. [...]

Ludwig Finscher und Annegret Laubenthal, »Die Spätblüte der isorhythmischen Motette«, in: Neues Handbuch der Musikwissenschaft,
Bd. 3 Die Musik des 15. und 16. Jahrhunderts, Sonderausg. Laaber 1996, S. 302 f.

Wenn sich das Maß der Motette nicht sinnvoll auf die Architektur bzw. Domkuppel beziehen lässt, wodurch könnten Maße und Proportionen in der Musik dann motiviert worden sein? Die folgenden Zitate geben mögliche Interpretationen:

Du aber hast alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet.

Bibel, Buch der Weisheit, Kapitel 11,20 (Einheitsübersetzung)

Über den Kosmos als einen auf Zahlen und Proportionen gegründeten Ordnungszusammenhang schrieb der Musikwissenschaftler und Ethnologe Rolf W. Stoll:

In pythagoräisch-platonischer Tradition offenbart sich der Kosmos als ein auf Zahlen und Proportionen gegründeter Ordnungszusammenhang. Mit dem Auffinden der Entsprechungen von Zahlen und Proportionen war es den Pythagoräern gelungen, den Harmoniebegriff als mathematische Regelmäßigkeit zu fassen [...].

Rolf W. Stoll, »Von der göttlichen Ordnung in der Musik (II)«, zit. nach: sinustext.com

Der Musiktheoretiker und Komponist Johannes Tinctoris erwähnte in seinem 1477 erschienenen Traktat Liber de arte contrapuncti, dass es erst seit etwa 40 Jahren, also ungefähr seit dem Zeitpunkt der Entstehung von Dufays Motette, hörenswerte Musik gegeben habe. Dabei nahm er auch auf Platons Denken Bezug, nach dem das Wesen des Schönen und Guten im Maß und in der Symmetrie liegt:

Ich kann mich nicht genug wundern, dass erst seit 40 Jahren Kompositionen existieren, welche von den Unterrichteten als des Hörens werth erachtet werden. In dieser unserer Zeit jedoch, – der unzähligen Sänger, welche die Kompositionen mit größtem Geschmacke vortragen, nicht zu gedenken, – blühen (ich weiß nicht ob durch die Kraft irgend eines himmlischen Einflusses oder infolge der andauernden Uebung) eine zahllose Menge von Komponisten [...]. Diese rühmen sich, die in jüngster Zeit verstorbenen Männer: Johannes Dunstable, Egidius Binchois und Guillermus du Fay als Lehrer in dieser göttlichen Kunst gehabt zu haben. Beinahe alle Werke sämtlicher Aufgezählter athmen so viel Süßigkeit, dass man sie nach meiner Ansicht nicht nur für Menschen und Heroen, sondern auch für unsterbliche Götter würdig beurtheilen muss. Und wahrlich, ich höre und betrachte sie niemals ohne neue Freude und Belehrung.

Johannes Tinctoris, zit. nach: Franz Xaver Haberl, Bausteine für Musikgeschichte, Wiesbaden 1885. (einsehbar auf Google-Books)

Aufgaben

  1. Singt den in der Motette verarbeiteten Introitus Terribilis est locus iste.
    • Überlegt, in welcher Beziehung der Inhalt des Introitus zum Anlass der Komposition steht.
    • Versucht, ihn bei nochmaligem Hören des Motettenabschnitts zu erkennen.
    • Von welchem Instrument wird der Color des Introitus auf der Aufnahme gespielt?
  2. Dem Zitat von Rolf W. Stoll lässt sich entnehmen, dass in der pythagoräisch-platonischen Tradition der Harmonie-Begriff über Zahlen und Proportionen erklärt worden ist. Wie verhält es sich in der Musik mit Intervallen? Prüft nach, ob es Zeiten gab, in denen die Qualität von Intervallen (konsonant/dissonant) auch über Zahlenverhältnisse erklärt worden ist.
  3. Johannes Tinctoris nimmt in seinem 1477 erschienenen Lehrbuch „Liber de arte contrapuncti“ einen kompositionsgeschichtlichen Umbruch für die Entstehungszeit von Dufays Motette an. Erläutert, worin dieser Umbruch besteht.
  4. Bei dem Introitus Terribilis est locus iste handelt es sich um eine Antiphon. Recherchiert, was eine Antiphon ist und an welcher Stelle im Gottesdienst Antiphone gesungen werden.
  5. In der Komposition Nuper rosarum flores lässt sich der Color des Introitus Terribilis est locus iste nachweisen, allerdings ist es schwierig, ihn über das Hören zu erkennen. Diskutiert die Frage, ob Dinge wie z.B. der Color des Introitus, die man nicht oder nur mit viel Übung erkennen kann, für die Empfindung und Interpretation von Musik von Bedeutung sind.
  6. In Anhängigkeit von der Antwort auf die vorangegangene Frage könntet ihr noch diskutieren, ob und welche Bedeutung die Zahlen und Proportionen in der Motette für die Interpretation dieser Komposition haben könnten bzw. sollten.

License: CC BY-SA 4.0 (any later version)
Source: elmu.online, Article “Die Motette ›Nuper rosarum flores‹ von Guillaume Dufay”, https://elmu.online/docs/2XqaCAsfkjXnzddbxmbsqa/schule-lehren-dufay-nuper-rosarum-flores, 08/12/2022, 6:38 PM
Contributions by: Ulrich Kaiser, Joachim Junker, Ilka-Mestemacher

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