Waltz-Rondo für Klavier von Charles Ives (1874 – 1954)

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Musikalische Experimente – Waltz-Rondo für Klavier (komponiert 1911)

Die Kompositionsweise des amerikanischen Komponisten Charles Ives ist von Experimentierfreude mit neuen Klängen geprägt. Geboren im Oktober 1874 im beschaulichen Städtchen Danbury in Connecticut wuchs Charlie behütet auf. Allerdings probierte er schon früh an Klavier und Schlagzeug aus, wie man den Klang der Instrumente erweitern könnte - angeleitet von seinem Vater, der Kapellmeister in Danbury war. In Ives' späteren Werken als Erwachsener kannst Du die Spuren dieser jungendlichen Experimente nachverfolgen, z.B. in Waltz-Rondo für Klavier. Charles Ives schreibt dazu:

Als Knabe spielte ich in der Blaskapelle meines Vaters mit, meist an einem der Schlaginstrumente. Diejenigen Stellen, wo ich nicht Pausen zu zählen hatte, übte ich entweder auf dem Gummideckel einer Käseschachtel oder auf dem Klavier. […] Ich erinnere mich, dass ich beim Üben der Trommelstimmen auf dem Klavier (nicht auf den Trommeln – Bedingung der Nachbarn) mit der Zeit satt hatte, ständig die Tonika und Dominante […] im Bass zu spielen. So begann ich Tonkombinationen auszuprobieren, die die Trommeln nachahmen oder parodieren sollten – im Fall der kleinen Trommel eng nebeneinanderliegende Töne in der rechten Hand – im Fall der großen Trommel weitergespannte Akkorde. […] Bei besonders explosiven Noten oder besonders starken Akzenten in den Trommelstimmen wurde manchmal die Faust oder die Handfläche gebraucht, […].

(Charles Ives: Ausgewählte Texte. Essays before a Sonata. Nachwort zu den 114 Liedern. Memos, hg. v. Werner Bärtschi, Zürich 1985, S. 166)

Charles Ives im Alter von etwa 15 Jahren ca. 1889 (Quelle: Wikimedia Commons)

In seinen Memos erinnert sich Charles Ives ein weiteres Experiment, das die Verwendung von zwei Tonarten gleichzeitig beschreibt:

Wie schon gesagt, hatte Vater gegen ein gewisses Maß an „Knaben-Spielereien“ nichts einzuwenden, wenn dahinter ein Sinn steckte […] – wie etwa, wenn die Begleitung der linken Hand in einer andern Tonart als die Melodie der rechten Hand stand […]. Er hielt uns dazu an, durchzuhalten und auch dann nicht aufzugeben, wenn es schwierig wurde.

(Charles Ives, Ausgewählte Texte. Essays before a Sonata. Nachwort zu den 114 Liedern. Memos, hg. v. Werner Bärtschi, Zürich 1985, S. 170f.)

Abbildung: Charles Ives, Waltz-Rondo for piano, hg. v. J. Kirkpatrick & J. Cox, Associated Music Publishers, Inc, 1987, T. 8-16.

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Ausschnitt Main Theme, interpretiert von Donald Berman

Analyse des Notenbeispiels Waltz-Rondo von Charles Ives, T. 8-16:

Diese von Ives erinnerte „Knaben-Spielerei“ ist ein musikalisches Experiment mit Bitonalität. So nennt man es, wenn zwei verschiedene Tonarten gleichzeitig erklingen. Ives setzt Bitonalität spielerisch und humorvoll ein: Die 8 Takte lange Einleitung endet in A-Dur (Takt 8), das Hauptthema beginnt in Takt 9 in D-Dur. Damit folgt Ives erst einmal den Regeln der traditionellen Harmonielehre, denn A-Dur ist die Dominante (V. Stufe) der Tonika D-Dur (I. Stufe). Betrachten wir nun die Harmoniefolge in der linken Hand ab T. 9 im Bassschlüssel: Takt 9-10: D-Dur (Tonika) / Takt 11-12: A7 (Dominantseptakkord ) / Takt 13-14: D-Dur / T. 15-16: A7 Das Hauptthema ist also 8 Takte lang und laut der Begleitstimme in der linken Hand ganz klar in der Tonika D-Dur im Wechsel mit der Dominante A7 gehalten. Interessant ist nun, dass die rechte Hand eine Melodie spielt, die häufig nicht zur linken Hand passt. Wenn man sich beispielsweise die Takte 10, 12, 14 und 16 anschaut, entdeckt man in der rechten Hand das Tonmaterial von Des-Dur mit fünf b-Vorzeichen.

Walzer und Rondo

Walzer und das Rondo sind eigentlich eigenständige Gattungen mit langer musikalischer Tradition. Der Walzer ist ein Paartanz im ¾-Takt mit Drehbewegungen. Er wird oft auf Bällen oder Familienfesten wie Hochzeiten getanzt.

Das Rondo ist ein Instrumentalstück und besteht auf mehreren Teilen, wobei der Refrain (Teil A) stets wiederholt wird:

a) In der kleinen Rondoform wechseln sich Refrain (Teil A) und Couplets (Teile B und C) ab: A – B – A – C – A.

b) Mit immer mehr neuen Zwischenteilen entsteht ein Kettenrondo: A – B – A – C – A – D – A – E – A – F – A usw.

c) Ein Bogenrondo ist symmetrisch angelegt: A – B – A – C – A – B – A.

Waltz-Rondo von Charles Ives, interpretiert von Donald Berman

Aufgaben:

  1. Beschreibe die musikalischen Experimente des jungen Charles Ives mit eigenen Worten.
  2. Höre das Hauptthema (engl. Main Theme) und notiere Deine Eindrücke zur klanglichen Wirkung zwischen rechter Hand (Melodie) und linker Hand (Begleitung). Überlege, was passiert, wenn das Tonmaterial von D-Dur gleichzeitig zu dem von Des-Dur erklingt.
  3. Höre das Waltz-Rondo von Charles Ives ganz an und zeige Merkmale des Walzers anhand des Notenausschnitts und des Hörbeispiels. Finde durch erneutes Anhören heraus, welche Form des Rondos Ives in diesem Klavierstück anwendet.

Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE
Quelle: elmu.online, Artikel »Charles Ives: Waltz-Rondo - Klavierstück«, https://elmu.online/articles/schule-lernen-ives-waltzrondo, 22.01.2021, 16:23
Bearbeitungen durch: Lucie Wohlgenannt