Charles Ives: Orchestral Set Nr. 2, 3. Satz,

From Hanover Square North at the End of a Tragic Day, the Voice of the People Again Arose

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Zum Werk von Charles Ives

Charles Ives war ein amerikanischer Komponist des 19./20. Jahrhunderts. Er lebte von 1874 bis 1954 in Connecticut und New York. Die meisten Kompositionen von Charles Ives beinhalten bereits bekannte amerikanische Melodien inmitten einer modernen Tonsprache. Ives entlehnt das musikalische Material und verfremdet es. Erhalten bleiben jedoch die Assoziationen des ursprünglichen Materials. Für den 3. Satz des Orchestral Set Nr. 2 mit dem programmatischen Titel From Hanover Square North, at the End of a Tragic Day, the Voice of the People Again Arose wählte Ives die Melodie von In the Sweet Bye and Bye als Kernmaterial. Er arbeite an diesem Werk von 1915 bis 1929. Auslöser der Komposition war ein tragisches Ereignis, das zum Eintritt der USA in den I. Weltkrieg führte.

Abbildung: Charles Ives 1913 (Quelle: Wikimedia Commons)

In the Sweet Bye and bye

Die Gospel-Hymn In the Sweet Bye and Bye ist in den USA sehr bekannt. Sie wurde schon im 19. Jahrhundert in Kirchengottesdiensten und bei nationalen Feierlichkeiten gesungen. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben bekannte US-amerikanische Country-Sänger*innen wie z.B. Johnny Cash oder Dolly Parton dieses Musikstück neu interpretiert.

In the Sweet Bye and Bye

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In the Sweet Bye and Bye, interpretiert von Johnny Cash

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In the Sweet Bye and Bye, interpretiert von Dolly Parton

Torpedierte Lusitania (Quelle: Wikimedia Commons)

Quellentexte zum zeitgeschichtlichen Hintergrund des Werks

Das britische Dampfschiff Lusitania wurde am 7. Mai 1915 von einem deutschen U-Boot torpediert und versenkt. An Bord des Schiffes waren 1257 Passagiere. 1198 Menschen, darunter 128 amerikanische Staatsbürger, kamen ums Leben. Am selben Tag, als das Schiff auslief, hatte die deutsche Botschaft eine Mitteilung in amerikanischen Zeitungen herausgegeben, in der sie die amerikanische Öffentlichkeit davor warnte, britische Schiffe zu benützen. Die Torpedierung aber geschah ohne direkte Vorwarnung. Als Grund für den Beschuß führten die Deutschen an, daß das Schiff Waren der Alliierten transportiert habe – eine Behauptung, die sich im Nachhinein als richtig erwies. Der amerikanische Präsident W. Wilson versuchte, zuerst mit Diplomatie den Konflikt zu lösen, um einen Kriegseintritt der USA zu verhindern, doch als Deutschland Anfang 1917 den uneingeschränkten U-Bootkrieg auch gegen Passagier- und Handelsschiffe der Alliierten sowie der neutralen Staaten erklärte, war der Eintritt der USA in den I. Weltkrieg unumgänglich geworden. Die Kriegserklärung der USA an Deutschland folgte im Frühjahr 1917.

(Lucie Fenner, Erinnerung und Entlehnung im Werk von Charles Ives, Tutzing 2005, S. 196, vgl. Daniel A. Butler, The Lusitania. The Life, Loss, and Legacy of an Ocean Legend, Mechandicsburg 2000)

Charles Ives beschreibt den Tag, an dem er von der tragischen Versenkung der Lusitania hörte. Er lebte und arbeitete zu dieser Zeit in New York. Seine Erinnerung an diesen Tag umfasst die Stimmung der Wartenden am Bahnsteig der New Yorker Zugstation Hanover Square sowie das Spiel eines Drehleierspielers, der die Gospel-Hymn In the Sweet Bye and Bye intonierte, die von den Wartenden singend und summend geteilt wurde. Ives schreibt dazu in seinen Memos:

Wir lebten in einer Wohnung an der West 11th Street 27, als ich eines Morgens beim Frühstück in der Zeitung las, dass die „Lusitania“ versenkt worden war. Ich erinnere mich, wie ich auf dem Weg zum Geschäft in den Gesichtern der Leute auf den Straßen und in der Hochbahn einen anderen Ausdruck sah als sonst jeweils. Allen Leuten, die zu mir ins Büro hereinkamen, stand nämlich – ob sie nun von der Katastrophe sprachen oder nicht – ein tiefes Bewusstsein dieses Ereignisses ins Gesicht geschrieben (und die Gesichter sprachen das aus, was die Zungen nicht zu sagen wagten: dass dies den Krieg bedeutete). Nach der Arbeit verließ ich das Stadtzentrum und ging zur Hochbahnstation in der dritten Avenue am Hanover Square. Wie ich den Bahnsteig betrat, war eine große Menschenmenge vor mir, die auf die Züge wartete, welche weiter unten steckengeblieben waren, und während wir so warteten, hörten wir unten auf der Straße das Spiel einer Drehorgel oder eines Leierkastens. Ein paar Arbeiter, die neben den Gleisen saßen, begannen, die Melodie mitzupfeifen, andere wiederum fingen an, den Refrain mitzusingen oder mitzusummen. Ein Arbeiter mir einer Schaufel auf der Schulter betrat den Bahnsteig und stimmte in den Refrain ein, worauf der Mann neben ihm, ein Wall-Street-Bankier mit weißen Gamaschen und einem Rohrstock, ebenfalls einstimmte, und schließlich schien mir, dass jedermann diese Melodie sang – aber nicht aus Übermut, sondern aus dem Bedürfnis heraus, ihren Gefühlen, die sie den ganzen Tag bedrückt hatten, Ausdruck zu geben. Alles war von einem Gefühl der Würde durchdrungen. Der Drehleiermann schien dies zu spüren – er schob den Leierkasten näher an den Bahnsteig heran und spielte fortissimo (der Refrain erklang jetzt so laut, als fordere er alle Menschen in New York auf, mit einzustimmen). Dann kam endlich ein Zug an – alle drängten hinein und das Singen verlor sich allmählich, doch die Wirkung, die es auf die Menge ausgeübt hatte, blieb erhalten. Kaum jemand sprach – die Leute verhielten sich so, als ob sie gerade aus einem Kirchgottesdienst kämen. Auf der Fahrt sangen oder summten dann einzelne Menschengruppen gelegentlich noch einmal die Melodie. Was war denn dies nun für eine Melodie? Es war kein Broadway-Schlager, keine Operettenmelodie, kein Walzer, keine Tanzweise, keine Opernarie, keine klassische Melodie oder irgendeine allgemein bekannte Melodie. Es war (bloß) der Refrain einer alten Gospel-Hymne, welche schon in vergangenen Generationen viele Leute tief berührt hatte. Und zwar keine andere als - In the sweet bye and bye.

(Charles Ives: Ausgewählte Texte. Essays before a Sonata. Nachwort zu den 114 Liedern. Memos, hg. v. Werner Bärtschi, Zürich 1985, S. 221f.)

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Orchestral Set Nr. 2, 3. Satz: From Hanover Square North at the End of a Tragic Day, the Voice of the People Again Arose

Höranalyse des Werks

Ein typisches Merkmal der Kompositionsweise von Ives ist die Arbeit mit Klangschichten im Vorder- und Hintergrund. So hört man in diesem Werk zu Anfang und zu Ende ein Hintergrundorchester, das leise Klänge spielt. Diese Klangschicht des Hintergrundorchesters läuft das gesamte Stück über weiter – auch wenn man sie zwischenzeitlich nicht hört, da sie häufig durch die Lautstärke des "Main Orchestra" (Hauptorchester) verdeckt wird.

Takt 1-19, Strukturteil 1

Takt 20-67, Strukturteil 2

Takt 68-109, Strukturteil 3

Takt 109-119, Strukturteil 4

Aufgaben:

  1. Höre In the Sweet Bye and Bye in zwei Versionen, gesungen von Johnny Cash und Dolly Parton. Um welches inhaltliche Thema geht es in 1. Strophe und Refrain? Markiere Beginn und Ende von Strophe und Refrain im Notenbeispiel.
  2. Informiere Dich über die politisch-historischen sowie die autobiographischen Hintergründe zur Komposition anhand der Quellentexte.
  3. Höre die Komposition und vollziehe die programmatischen Angaben Charles Ives' aus dem autobiographischen Quellentext 2 anhand der vier Abschnitte nach. Analysiere den Strukturverlauf der vier Abschnitte in klanglicher Hinsicht. Beziehe hierzu Deine Erkenntnisse über Strophe und Refrain von In the Sweet Bye and Bye ein.
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Takt 1-19, Strukturteil 1

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Takt 20-67, Strukturteil 2

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Takt 68-109, Strukturteil 3

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Takt 109-119, Strukturteil 4