Übung mit Umweltklängen

Die folgende Übung ist als Einstieg ins Komponieren gedacht – für Schülerinnen und Schüler ebenso wie für Lehrerinnen und Lehrer. Sie kann im Musikunterricht in der Schule, im Instrumental- oder im Kompositionsunterricht durchgeführt werden, und zwar mit allen Instrumenten, also auch mit Gesang bzw. Stimme, sowohl im Einzel- als auch im Gruppenunterricht und mit Schülerinnen und Schülern fast jeden Alters. Sie kann der jeweiligen Unterrichtssituation angepasst und ggf. mit gerade anstehenden Lerninhalten verbunden werden. Als Lehrkraft empfiehlt es sich, im Unterricht bei der Durchführung der Übung mitzumachen und sie vielleicht vorher zuhause auszuprobieren.

Benötigt wird Papier, ein Stift und eine geräuschlose Uhr mit Sekundenanzeige. Auf das Papier werden eine senkrechte Koordinate gezeichnet und eine waagerechte, die für den Zeitverlauf steht und vorher bereits mit Sekundenangaben versehen werden kann (s. Abb.).

1. Eine Minute hören und notieren

60 Sekunden lang wird den Klängen gelauscht, die einen umgeben. Die wahrgenommenen Klänge werden auf dem Papier eingetragen. Vor dem Hören muss entschieden werden, ob das Wahrgenommene während des Hörens oder anschließend aus der Erinnerung aufgeschrieben wird. Letzteres ist erheblich schwieriger. Die Anordnung der nun entstehenden Partitur wird an der senkrechten Koordinate vorgenommen. Wie bei konventionellen Partituren kann die Anordnung der auftretenden Klänge von hoch nach tief bzw. von hell nach dunkel erfolgen oder nach der Richtung, aus der die Klänge kamen. Wenn beides nicht sehr signifikant ist, können die Klänge in der zeitlichen Reihenfolge, in der sie aufgetreten sind, von unten nach oben an der senkrechten Koordinate angeordnet werden. (In der abgebildeten Partitur [Abb.] erfolgt der Einsatz der Klänge dem entsprechend von links unten nach rechts oben.) Dadurch, dass die Urheber oder kurze Charakterisierungen der verschiedenen Klänge vor die senkrechte Koordinate gesetzt werden, entsteht bereits eine Anordnung in Stimmen. Die Notation der Klänge sollte vorher an wenigen Beispielen besprochen und geübt werden. Sie kann und wird sicher Konventionen musikalischer Notation aufnehmen. V.a. ist darauf zu achten, dass das Notationsniveau einheitlich ist, also z.B. nicht bei einem Ereignis eine Lautstärkeanweisung zu finden ist, bei einer anderen aber nicht. Für die verschiedenen Klänge und ihre Eigenschaften, die benannt werden sollten, werden verschiedene Symbole gewählt oder erfunden. In der Abb. sind für geräuschhaftere Klänge Kreuze, Quadrate und Dreiecke als Notenköpfe gewählt worden. Die Länge der Klangereignisse ist in der Abb. an den verschiedenen Fähnchen und Artikulationszeichen sowie im Fall des Liegetons (Heizung) am Längsstrich erkennbar. Außerdem bieten sich leere und ausgefüllte Notenköpfe zur Unterscheidung von Klangdauern an. Einige Ereignisse wurden in der Abb. auch in der Notation durch Balken zu Gruppen zusammengefasst, die rhythmisch periodisch (Schritte) oder aperiodisch sind (weit entfernte, aber laute Stimmen). Auch dynamische Anweisungen können jetzt bereits notiert werden. Um das Wahrgenommene hinsichtlich der Lautstärke angemessen zu notieren, genügt in der Regel p für leise und f für laut, evtl. pp und ff für noch leiser bzw. lauter und Crescendo- und Decrescendo-Gabeln für lauter bzw. leiser werden. (Natürlich kann noch weiter differenziert werden. In der Abb. ist sogar jede Stimme durch eine eigene Lautstärkeangabe gekennzeichnet.)

Diese Partitur hat ein Grundkurs Musik anschließend an die Arbeitsschritte „Eine Minute Hören“ und „Notieren“ gemeinsam erstellt und an der Tafel festgehalten. Sie war Grundlage der anschließenden Arbeit, die dokumentiert ist in Matthias Schlothfeldt, Komponieren im Unterricht, Hildesheim 2009, S. 52-74. Ein Video mit der Aufführung des Ergebnisses sehen sie hier.

2. Instrumentieren

In der ersten Partitur wurden Umweltklänge notiert. Sie bildet die Grundlage für das Musikstück, das nun entstehen soll. In der vorliegenden Form ist die Partitur kaum aufführbar. Sie wird nun uminstrumentiert – für das eigene Instrument, für mehrere Instrumente und/oder Stimmen (das ist v.a. im Gruppenunterricht denkbar) oder für Geräte, die einen umgeben bzw. sich im Unterrichtsraum befinden. Wenn für mehrere Instrumente geschrieben werden soll, kann die Anordnung der Klänge in Stimmen aus der ersten Partitur übernommen werden. Es sollte aber die Verteilung auf die beteiligten Ausführenden berücksichtigt werden. In jedem Fall müssen nun die Klänge, die die ursprünglich wahrgenommenen ersetzen sollen, gesucht und ausprobiert werden.

3. Gestalten bilden

Bei der Arbeit an der zweiten Partitur sollen musikalische Gestalten gebildet werden. Deren Charakter soll sich wieder möglichst genau in der Notation ausdrücken. Notationsversuche sollten auf einem weiteren Blatt geübt werden. Was oben zur Notation von Geräuschen und Tönen, Lautstärken, Dauern und Rhythmen steht, sollte hier ebenso beachtet werden wie ein einheitliches Notationsniveau.

4. Form

In der zweiten Partitur nun werden die Gestalten, die erheblich differenzierter notiert sind als in der ersten Partitur, neu angeordnet. Es soll eine sinnvoll erscheinende, wahrnehmbare Gliederung bzw. ein erkennbarer Verlauf entstehen. Ob es bei einer Minute Dauer bleibt oder das Stück erheblich länger oder kürzer wird, sollte dabei ebenfalls überlegt werden, die endgültige Entscheidung kann aber auch später fallen. Zum Formen sind einige Hinweise nötig. Hier können folgende Fragen gestellt werden: Welche Gestalten sollen vorkommen? Das Material der Komposition sollte begrenzt sein. Vielleicht kann das Repertoire an Gestalten noch weiter reduziert werden. Wie soll das Stück anfangen? Welchen Verlauf soll es nehmen? Wie soll es enden? Außerdem kann überlegt werden, ob es eine Entwicklung geben soll und an welcher Stelle diese ihr Ziel oder ihren Höhepunkt hat. Sollen Gestalten wiederholt werden? Wo und wie oft? Vielleicht können signalartige Gestalten an Stellen gesetzt werden, an denen sie die Teile markieren, aus denen die Form besteht. Bei der Abfolge der Gestalten sollte beachtet werden, wie sie aufeinander folgen. Zwischen ihnen kann eine Pause gesetzt sein. Sie können unmittelbar aneinander anschließen. Sie können überlappen oder überblendet werden, indem ein Ereignis ausgeblendet und das folgende eingeblendet wird. Wenn ein Ereignis auf ein anderes reagiert, bietet es sich an, das mit Hilfe von Pfeilen darzustellen.

5. Analysieren

Um sich Rechenschaft über das Komponierte abzulegen und es so einer drohenden Unverbindlichkeit zu entreißen, sollte man einige Fragen an das Stück stellen: Wie viele Teile hat das Stück? Wie viele verschiedene Elemente oder Gestalten gibt es? Wie oft treten sie auf? Gibt es benennbare Beziehungen zwischen den wiederkehrenden Gestalten? zwischen den verschiedenen Gestalten? zwischen den Formteilen? Können die Beziehungen noch deutlicher hervortreten? Damit sind nur einige Hinweise gegeben, weil die reflektierenden Fragestellungen von der konkreten Partitur abhängen. In der Regel drängen sich analytische Fragen aber förmlich auf. Anschließend an die Analyse kann die Partitur einer weiteren Überarbeitung unterzogen werden.

6. Aufführen

Zum Schluss sollte das Ergebnis uraufgeführt werden. (Zur Koordination sind ggf. eine Uhr oder ein Dirigent hilfreich. Zu überlegen wäre auch, ob die Aufführung aufgenommen und noch einmal angehört werden soll.) Vielleicht geschieht dies erst mal im Rahmen des Unterrichts. Es sollte aber auch über eine öffentliche Aufführung z.B. im Rahmen eines Schülervorspiels nachgedacht werden. Dann kann das Stück auch von anderen als den Komponistinnen und Komponisten selbst gespielt werden. Mit dem Proben sind nämlich oft bemerkenswerte Lernerfolge verbunden. Überhaupt werden die Chancen unterschätzt, die darin liegen, dass Schülerinnen und Schüler für andere komponieren. Beim Einstudieren der Partitur wird sich herausstellen, wie präzise die Notation ist und ob die Komposition überhaupt aufführbar ist.

Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE
Quelle: elmu.online, Artikel »Übung mit Umweltklängen«, https://elmu.online/articles/musikschule-komposition-uebung-mit-umweltklaengen, 22.01.2021, 15:08
Bearbeitungen durch: Matthias Schlothfeldt